Mühselig das Leiden anderer ertragen

Kaum erhalte ich die Nachricht eine Chemotherapie erhalten zu müssen, erschlagen mich Familienmitglieder und Angehörige mit ihrem Mitleid.

Sie gucken mich mit traurigen Blicken an. Sie geben mir das Gefühl mich minderwertig fühlen zu müssen.

Ich versuche sie zu trösten und mache ihnen Mut.

Moment mal, hier läuft was schief. Bin ich nicht diejenige, die aufgefangen werden müsste?!

Es vergehen sechs Monate in denen ich in zahlreich nicht enden wollenden Gesprächen immer wieder anderen meine Situation nahe lege, ihnen erkläre weshalb ich eine Chemotherapie bekomme und wie es um mich steht.

Ich kann nicht mehr!

Als würde das nicht reichen, überschlagen sich die Nachrichten in meinem Freundeskreis mit „Ich bin schwanger“.

Ich weiß damit nicht umzugehen. Es sollte mich freuen, stattdessen macht es mich traurig.

Sollte ich nicht im Alter von 30 auch sagen können, ich bin schwanger?

Es ist verdammt schwer die Freude anderer zu ertragen, wenn es einem selber so schlecht geht.

Ich versuche mir nichts anmerken zu lassen, aber breche oft in Tränen aus.

Ich frage mich, ob die Schutzspritze während der Chemotherapie wirken wird, ob ich jemals dieselbe Freude empfinden können werde und das ganze Elend hier vergessen kann.

Es ist nicht ansatzweise fair, dass ich all das erleiden muss, aber was bringt es mir mich selber zu fragen, ob es fair ist oder nicht. Ich bin Chemopatientin.

Im Laufe der Zeit wird mir immer bewusster wie unsensible Menschen sein können. An einem Samstagmorgen erhalten ich am Frühstückstisch nichts ahnend eine Sms einer Bekannten: „Hallo Arzu, kennst du vielleicht eine Hebamme?“

Diese Nachricht zerbricht mir den Kopf. Wieso um Himmels Willen soll ich eine Hebamme kennen, nur weil ich Erzieherin bin?

Sie wollte mir so mitteilen, sie sei schwanger.

Ich empfand es als äußerst unsensibel. Auch wenn meine Situation miserabel ist, muss man mich nicht in Watte packen oder mich für dumm verkaufen. Es machte mich noch Wochen danach unglaublich wütend. Vielleicht kann das nicht jeder von euch nachvollziehen, aber die richtige Art und Weise der Kommunikation meidet Missverständnisse und vor allem Verletzungen.

Ehe ich mich weiter darüber aufregen kann, ereilt mich eine andere erschreckende Situation.

Ich befinde mich auf der Weihnachtsfeier meines ehemaligen Lebenspartners. Alle wissen um meinen Zustand. Ich habe Angst zu reden. Angst alles würde hochkommen und ich würde in Tränen zusammen brechen. Der Abend sollte sich erstaunlich angenehm gestalten, bis ich zu einem Gespräch zweier Frauen dazu stoße, die sich über Schwangerschaften und Kinder unterhalten.

Kaum wage ich es aus diesem Gespräch zu fliehen, werde ich mit den Worten „Arzu, du weißt nicht wie es ist schwanger zu sein“ aufgehalten.

Ich kann nicht glauben, was meine Ohren da gerade empfangen haben.

Hat sie das wirklich gerade von sich gegeben? Ich möchte schreien. Ich möchte sie mit den Worten „Wie kannst du es wagen, mir das zu sagen. Ich bin Chemopatientin und vielleicht nie in der Lage Kinder zu bekommen!“ anschreien.

In meinem Schockzustand teile ich ihr in ruhigen Worten mit, dass sie dankbar sein sollte, die Möglichkeit ein Kind zu bekommen, haben zu dürfen.

Mit großen erstaunten Augen starrt sie mich an, während ich ihr meinen Rücken zudrehe und gehe.

Ich sollte viel lernen in dieser Zeit. Das tat ich auch. Ich entschloss mich, mich zurückzuziehen, wann immer mir die Menschen zu viel wurden, mit ihren unüberlegten Äußerungen.

Gemeinsam mit meiner Therapeutin durchlief ich all diese Ereignisse noch einmal. Wir wiederholten die Situationen und kamen zu dem Entschluss mit Taktik eine Herangehensweise zu entwickeln, die mich selber schützen und mir die Wut nehmen sollte.

Ich sollte in solchen Situationen den Schwangeren mitteilen, wie schön es doch sei schwanger zu sein und dass wenn ich es jemals werden würde, ich es mir genau so wünschen würde. Sie fühlten sich dadurch in ihrem Dasein bestärkt. Das war wichtig, denn oft haben schwangere Frauen das Gefühl nutzlos zu sein und das Mutter Dasein nicht erfüllen zu können.

Ich wand diese Methode an und das mit Erfolg. Mit einem Schmunzeln ging ich aus solchen Situationen gestärkt heraus.

Mein Empathie Gefühl ist höher ausgeprägt als andere und ich fand heraus, dass Menschen, die so viel Leid ertragen mussten, viel fröhlicher waren, als alle anderen. Es war bemerkenswert.

Ich habe gelernt nur noch für die da zu sein, die es wert sind und nicht mehr die Probleme anderer aushalten geschweigen denn lösen zu wollen.

Wir sollten darüber nachdenken welche Worte unseren Mund verlassen. Wir sollten uns immer die Frage stellen: „Wie würde ich in solch einer Situation empfinden und was würde ich von anderen erwarten?“

 

 

Written by Arzu

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